Als ich 5 Jahre alt war, habe ich immer gesagt, dass ich tagsüber gerne ein Junge wäre und Abends ein Mädchen. Ich kann mich zwar nicht daran erinnern, wie ich mir das als 5-jähriges Kind überlegt habe, aber ich weiß noch, dass es sich richtig angefühlt hat. Während in dem Alter alle meine Freundinnen als Prinzessinnen verkleidet waren, war ich Karlsson vom Dach. Mit viel Liebe zum Detail bastelten mein Papa und mein Opa einen Knopf in eine Krawatte, der einen Propeller auf meinem Rücken bediente. Ich weiß noch, dass ich sehr stolz auf mein Kostüm war. Karlsson vom Dach, so viel Problematisches darin auch wiedergegeben wird, steht für das Rebellieren gegen Normen und eine Sehnsucht nach totaler Freiheit entgegen aller Konventionen.
30 Jahre später frage ich mich, ob ich Karlsson vom Dach sein wollte, weil ich nicht in einer Welt leben wollte, wo ich entweder ein Mädchen oder ein Junge sein musste. In einer Welt, die ziemlich starre, binäre Regelwerke dafür aufgestellt hat, was es heißt, das Eine oder das Andere zu sein.
Wo genau meine Transition begonnen hat, ist schwer zu sagen. War es der Moment, in dem ich lieber Karlsson sein wollte als eine Prinzessin? Oder als ich mit 20 angefangen habe, kreative Wege zu finden, meine Brust abzubinden? Wenn ich einen Zeitpunkt festmachen müsste, dann wäre es vermutlich, als jemand zum ersten Mal von mir als „Mutter“ sprach.
Nach einem sehr langen, gemeinsamen Prozess, hatte ich mich vor 7,5 Jahren dazu entschieden, mit zwei Menschen ein Kind zu bekommen. Ein Freund spendete uns Samen. Zu diesem Zeitpunkt war ich mit den jeweils anderen beiden (zukünftigen) Elternteilen in einer romantischen Liebesbeziehung, die beiden aber nicht miteinander. Für uns war es eine wunderschöne Vorstellung, dass unser Kind drei Eltern haben würde. Drei Eltern bedeuten mehr Ressourcen, mehr Spielräume (für alle) und mehr Zeit, um der herausfordernden Elternrolle gerecht zu werden, ohne sich selbst darin zu verlieren. Die Entscheidung zu dritt Eltern zu werden ist natürlich auch keine leichte und mit vielen Herausforderungen verbunden.
Es ist in Deutschland rein rechtlich gesehen nur für zwei Menschen möglich, als Eltern für ein Kind anerkannt zu werden. Die dritte Person, die keine Rechte hat, muss für diverse Situationen eine Vollmacht mit sich tragen, beispielsweise beim Reisen. Deswegen suchen wir immer wieder kreative Wege, wie wir alle drei als Eltern gesehen werden können. Wir haben schon darüber nachgedacht im Kreis zu heiraten, damit wir alle irgendwann den gleichen Nachnamen haben.
Nachdem wir mit unserem Samenspender damals alle Vereinbarungen ausgearbeitet und unterschrieben hatten, sagte er, wie toll es doch sei, dass unser Kind drei Mütter haben werde. Ich weiß noch genau, dass mich irgendetwas daran störte, ich wusste nur noch nicht genau was.
Ein Jahr später bekam ich die Nachricht, dass der Schwangerschaftstest von einem der anderen beiden Elternteile positiv war. Während ich bei DM stand und überlegte, ob ich in der Pandemie lieber Toilettenpapier oder Nudeln horten sollte, war ich nun gleichzeitig voller Vorfreude und Unbehagen. Ich wusste nicht genau wieso, aber die Vorstellung, jetzt wirklich Mutter zu werden, empfand ich plötzlich als bedrückend. Während ich mich einen Großteil meines Erwachsenenlebens als nicht-binär verstanden hatte, stellte ich zunehmend fest, dass ich nie als Mutter oder als Frau angesprochen werden wollte. Mir war es relativ egal, ob jemand „er“ oder keine Pronomen benutzte, aber es machte viel mit mir, wenn ich als Frau angesprochen wurde.
Während die Schwangerschaft jeden Tag voran schritt, wurde in mir der Wunsch immer lauter mit Hormonersatztherapie (HRT) anzufangen. Die ersten Monate und Jahre mit meinem Kind waren nun stark davon geprägt, wo und wann ich mein Testosteron Gel auftrug. Es war wichtig, dass zwei Stunden nach dem Auftragen die Stelle von niemandem berührt wurde, weil das sonst den Hormonhaushalt dieser Person beeinflussen könnte. Auf den Oberarmen war eine Option, aber nur so lange mein Kind nicht auf der Welt war. Erwachsene können natürlich immer darauf achten, wo sie mich berühren und ich kann im Zweifelsfall ein T-Shirt über meine Oberarme ziehen. Mit Kindern ist das nicht ganz so einfach. Vor allem Babys und Kleinkinder sind weder kontrolliert, noch berechenbar in ihren Bewegungen und die Gefahr war zu groß, dass ich den Hormonhaushalt meines Kindes beeinflusste. Also musste ich immer darauf achten, dass ich das Gel auftrug, wenn ich mein Kind mehrere Stunden nicht sehen würde und eine Zeit lang habe ich das Gel sogar nach 20 Minuten abgewaschen. Oberarme sind eigentlich der beste Ort, um das Gel aufzutragen, aber es war zu riskant. Also beschloss ich das Gel auf meinen Waden aufzutragen. Kein optimaler Ort, weil dort viele Haare wachsen. Ich gehe stark davon aus, dass ich dadurch die ersten vier Jahre viel weniger Testosteron aufgenommen habe, als Menschen, die ihr Gel auf den Oberarmen auftragen.
Ich war also hauptsächlich damit beschäftigt, auszurechnen, wann mein Sohn das nächste Mal schlafen oder essen muss und wann ich mein Gel auftragen kann, ohne, dass das Potenzial besteht, dass er mich berühren könnte. Nach vier Jahren Gel auftragen war ich so erschöpft von diesen täglichen Denkprozessen, dass ich irgendwann beschloss auf Spritzen umzusteigen.
Es gab sechs Monate, vor der Geburt meines Sohnes, als das Gel sich wie eine Superkraft angefühlt hat. Ich trug es auf, niemand wusste davon, wenn ich rausging in die Welt und es fühlte sich wie eine magische Fähigkeit an.
Nach und nach veränderte die Einnahme von Hormonen mein äußeres Erscheinungsbild. Heute lesen mich die meisten Menschen als Mann. Natürlich ist das für mich eine sehr gewöhnungsbedürftige Veränderung und auch eine, die viel mit mir in meiner Elternrolle macht. Beispielsweise achte ich umso mehr darauf, wie ich in der Öffentlichkeit auftrete und mir ist meine Rolle viel bewusster als davor. Während ich davor für niemanden lächeln wollte, wenn mir nicht wirklich danach war, lächle ich jetzt umso mehr, um nicht den Eindruck zu vermitteln, ich könnte aggressiv oder furchteinflößend sein. Gleiches gilt für meine Hilfsbereitschaft, denn ich möchte, dass mein Sohn sieht, wie wichtig es ist, sich zuvorkommend und emphatisch in der Welt zu zeigen, gerade als Junge und als Mann.
Feministische Werte zu vermitteln ist dadurch in meinem Leben noch präsenter geworden, als es ohnehin schon war. Ich achte darauf, dass mein Sohn sieht und hört, dass ich alle möglichen Emotionen benenne und spüre und wenn ich daneben liege oder mich einfach nicht so toll verhalten habe, dann möchte ich auch, dass er mitbekommt, dass ich mich entschuldigen kann. Das hört sich alles selbstverständlich und auf eine Art und Weise banal an, aber transmaskuline Transition und Elternschaft bedeutet auch eine neugewonnene Form von Verantwortung.
Seit ich als Mann gelesen werde, bekomme ich Elternschaft ganz anders zu spüren. Davor gab es entweder Verwirrung über mein Geschlecht und meine Beziehung zu meinem Kind oder schlichtweg keine nennenswerte Anerkennung oder Sichtbarkeit. Seitdem ich als Vater gelesen werde, hat sich das stark verändert. Ich wusste das alles theoretisch, aber tatsächlich zu spüren, wie in vielen kleinen, ach so unbemerkten Momenten, meine Männlichkeit und mein Vatersein hergestellt wird, ist etwas anderes. Es sind Momente, wie ein Schmunzeln eines Passanten, wenn wir zusammen durch die Straßen laufen und mein Sohn meine Hand hält oder ich ihm eine Sache erkläre, die er mich gefragt hat. Es sind die kleinen Gesten und anerkennenden Blicke, die mir sagen wollen „wow, ein Vater, der sich kümmert“. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass es sich schlecht anfühlt, Anerkennung zu bekommen und natürlich bin ich auch geschmeichelt, als Mann gelesen zu werden. Es ist ein chaotisches Sammelsurium an Gefühlen. Auf der einen Seite weiß ich natürlich, dass es ein schief hängendes Machtverhältnis gibt und diese Anerkennung allen Menschen, die Sorgearbeit tragen, zustehen sollte. Auf der anderen Seite fühle ich mich in diesen Momenten in meinem Geschlechtsausdruck so gesehen, dass das Geschmeichelt-fühlen kurz die Oberhand bekommt. Denn schließlich ist es für mich eine neue Erfahrung, plötzlich als Mann gelesen zu werden.
Mein Sohn versteht natürlich nur einen Bruchteil davon. Wie sollte er denn auch, er ist erst fünf Jahre alt. Was er jedoch versteht ist, dass ich ein Transmann bin und das sagt er auch gerne mal laut und deutlich. Manchmal sogar, wenn er mich beleidigen will und aus dem „Du bist ein Blödmann“, „Du bist ein Blöd-trans-mann“ wird.
Was er natürlich nicht versteht ist, dass ich manchmal nicht als trans geoutet werden will und es für mich auch potenziell gefährliche Situationen geben kann, in denen ich nicht möchte, dass plötzlich die halbe U-Bahn weiß, dass ich ein trans Mann bin oder welche Genitalien ich habe. Dieses Spannungsfeld, zwischen Neugierde, Scham und Gefahr, ist zum Teil sehr schwierig zu navigieren. Ich möchte einerseits natürlich, dass er alle Fragen der Welt stellen kann und sich mit mir so wohl fühlt, dass er all seine Belange zu mir bringen kann. Andererseits möchte ich nicht in Gefahr geraten oder mich erklären müssen. Ich genieße es sehr, dass ich endlich an einem Punkt bin, an dem ich mich nicht den ganzen Tag anglotzen lassen muss und die Fragezeichen in den Gesichtern meiner Mitmenschen deutlich eingeschrieben sehe. Dieses Spannungsfeld empfinde ich als die komplizierteste Angelegenheit, wenn es ums Trans-sein und Elternschaft geht. Bereits während der Schwangerschaft habe ich mich intensiv auf die Suche nach einer passenden Bezeichnung für mich begeben. Ich habe einige Bücher gewälzt, unter anderem „Confessions of the other mother – non biological lesbian mom, herausgegeben von Harlyn Aizley“ und „like a boy but not a boy von Andrea Bennett“. Ersteres war ein sehr einflussreiches Buch für meine Wortfindung, dort bin ich auf den Begriff Dyke Dad gestoßen, in dem ich mich gut wiederfand. So nennt mich mein Kind DD, als Akronym für Dyke Dad. Natürlich versteht er die Bedeutung noch nicht und bis heute hat er mich nicht gefragt, wieso er mich eigentlich so nennen sollte. Ich finde es total schön, dass es ihm überlassen ist, ob er diese Bedeutung mit anderen teilen möchte oder nicht. Es fühlt sich gut an zu wissen, dass es etwas ist, was nur uns beiden gehört. Es verwirrt ihn, wenn andere Menschen mich Papa nennen, weil ich schon immer DD war und in seinen Augen immer DD bleiben werde. Er ist ein Kind, was sich mit Veränderungen jeglicher Art sehr schwer tut und so ist es nicht überraschend, dass er sich komplett der Idee verweigert, mich Papa zu nennen. In seiner Welt gibt es keinen Papa. Manchmal finde ich das kränkend, aber auch das gehört irgendwie zu Transition und Elternschaft dazu. Für ihn ergibt es total viel Sinn, dass nicht alle Männer Penisse haben und auch, dass ich ein trans Mann bin, er spricht mich ganz selbstbewusst mit „er“ an. Er hält die Komplexität seiner kleinen Welt mit einer großen Gelassenheit aus.
Trotz der schwierigen Aushandlungen – die manchmal mehr in mir stattfinden, als nach Außen mit meinem Sohn – habe ich das Gefühl, dass er in einer Welt voller Queerness aufwächst, die ich mir als Kind nur hätte erträumen können. Er denkt, dass ihm auch Brüste wachsen werden und fragt, wann er seine Tage bekommen wird. Und einmal dachte er sogar, dass er eine Operation braucht, so wie ich, damit er später eine flache Brust bekommt. Ich liebe es, dass er im wahrsten Sinne des Wortes im Gender Trouble lebt und es ihn kein bisschen zu jucken scheint.
Vor einigen Wochen haben wir zum Einschlafen zusammen „Karlsson vom Dach“ gehört und ich muss ehrlich sagen, dass ich total erschüttert darüber war, wie viele fettphobe und abwertende Kommentare in nur einer Folge gefallen sind. Kurz habe ich mich geschämt, dass das der Held meiner Kindheit war und mich gefragt, was ich da meinem Sohn zum Einschlafen vorspiele. Vielleicht ist Karlsson heute nicht das beste Vorbild und es gibt wesentlich schönere Alternativen, die ich ihm vorspielen kann, aber damals war das meine Welt. Karlsson hat genau das gemacht, was sich andere nicht getraut haben, entgegen aller Konventionen und Regeln und dafür bin ich ihm sehr dankbar. Ich hoffe, dass ich mit meiner Transition eine Art Karlsson DD für meinen Sohn sein kann und ihn ermutigen werde, tapfer für sich einzustehen und genau den Weg im Leben einzuschlagen, der für ihn richtig ist.
Yaniv Barinberg (er/ihm) ist queerer Jude mit post-ost Geschichte und trans Elternteil. Er arbeitet in Berlin und Online als Beziehungsberater und bietet Workshops und Vorträge Rund um diverse beziehungsrelevante Themen an. Yaniv hat das Buch “Mehr ist Mehr – meine Erfahrungen mit Polyamorie” veröffentlicht.