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Elternschaft

Parenting in a Hot Climate

Jacinta Nandi
Text

 “Sie haben die Garten-Party abgesagt, aber nicht die Bundesjugendspiele!”, sagt mir eine Mutter im Schulhof.

Ich starre sie entsetzt, aber ausdruckslos an, sie muss das falsch verstanden haben, oder, die werden doch die Bundesjugendspiele absagen müssen, heute soll es 38° werden, was soll das, was zur Hölle soll das, ich glaube sogar in der Hölle würde der Teufel nicht erwarten dass wir ringsum um das Feuer rennen oder so. Aber ich bin ehrlich gesagt zu erhitzt, um meine Empörung auf mein Gesicht als Ausdruck zu übertragen, deswegen murmele ich: „Aber warum tun sie das?“

“Gehört zum Rahmenplan”, sagt sie. “Das sagen sie, man darf nicht Sachen absagen, die im Rahmenplan stehen!”

“Echt nicht?”, frage ich. Das macht für mich eigentlich keinen Sinn, der Berliner Rahmenplan ist nicht von Moses auf einer Steintafel eingraviert oder so was. Ich gucke sie an, entsetzt, schockiert, aber auch bewegungslos.

Ich fand die Bundesjugendspiele immer ein kleines bisschen nazi, ehrlich gesagt, mein ältester Sohn, geboren 2004, ging auf eine private Hippieschule, die nicht wirklich super hippie gewesen ist, eher hippie adjacent. Die Kinder sollten mitentscheiden, über welche Themen sie lernen würden, eine Idee, die im Schulkonzept ein bisschen anders beschrieben wurde, als sie in der Realität implementiert worden ist. Mein Sohn kam zumindest jedes Mal enttäuscht nach Hause: „Wieder haben wir nichts zu Star Wars gelernt, sondern dazu, woher Käse und Brot kommen!” seufzte er immer. 

Aber hippie adjacent war die Schul schon, keine Noten, die Kinder organisierten Nagelstudios und Gourmet Burger Restaurants, sie durften sich für AGs anmelden aber sie durften auch nackig im Hort im Hof im Matsch rumliegen, hippie-adjacent halt. Und dann, einmal im Jahr, hieß es plötzlich: BUNDESJUGENDSPIELE. Die Erzieher*innen, die das Jahr über, elegant und indifferent, nackten Kindern den Matsch wegspritzten, zuckten jetzt genau so elegant und indifferent mit den Schultern, wenn die Kinder, die sonst nie verloren, alle rumheulten. “Sie müssen sich ans Verlieren gewöhnen!”, sagten sie, ich fand es ein bisschen extrem, damit anzufangen. Meine eigene staatliche Schule aus Ost-London in den 80ern machte es genau andersrum, wir kriegten von Anfang an Noten, aber alle eine Medaille bei Sports Day. Aber egal, nur ein bisschen nazi fand ich das, nicht nazi genug um es zu boykottieren oder so was. Nur ein bisschen nazi. Bei seinem ersten Bundesjugendspielen-Tag gehörte mein ältestes Kind nicht zu den Kindern, die bei dem Rennen geheult hatten, aber in der U-Bahn auf dem Weg nach Hause guckte er seine Teilnehmerurkunde an und sagte verbittert: „Jetzt weiß ich was ‚Teilgenommen’ bedeutet.“ Es bedeutet: Er hat nichts gewonnen. 

An seinem letzten Bundesjugendspielentag versuchte ich auf dem Weg zur Schule, spielerisch mit dem Druck umzugehen. Ich redete wie eine sanfte, perfekte, entspannte Elternrobotorin, eine weiße Mama, die ihre Erziehung als eine Mischung aus sozialer Arbeit, Therapie, und Roboterin sein sieht. In einer sanfte Robotorinstimme sagte ich: “Gewinnen ist nicht wichtig, alles was ich will ist, dass du dein persönliches Bestes tust, Gewinnen ist nicht wichtig, nur Teilnehmen ist wichtig, ich finde, du musst dir keine Gedanken machen übers Gewinnen.” Aber dann tat ich so als ob die Roboterin nicht funktionierte und sagte in einer Darth Vader Stimme: „HAUPTSACHE MEDAILLEN WIR BRAUCHEN SO VIELE MEDAILLEN WIE MÖGLICH BRING SO VIELE MEDAILLEN WIE MÖGLICH WIR BRAUCHEN DAS METALL DU KOMMST NICHT REIN INS HAUS OHNE EINE MEDAILLE….Gewinnen ist nicht wichtig, überhaupt nicht wichtig.”

Ich weiß gar nicht, ob ich mir diesen Witz erlaubt hätte, wenn ich gewusst hätte, dass er gewinnen würde. Ich holte ihn ab nach der Arbeit und er strahlte mich an: „MAMA ICH BRINGE METALL NACH HAUSE!“ und lachte mit Freude. Und dann flüsterte er: „Die böse Robotorin war die echte, oder?“ Und ich flüsterte zurück: „Ich glaube nicht, aber ich bin trotzdem stolz.“

Ein männlicher Horterzieher sagte zu mir: „Du darfst stolz sein, er ist der schnellste Junge im Bezirk.“ Ich schaute meinem Kind mit bewundernden Augen an, der Schnellste im Bezirk, auf dem Weg nach Hause riefen wir schnell meinen Vater an, wegen des historischen Ereignisses haben wir England mit einem Handy angerufen, und er sagte begeistert: „ICH WAR AUCH MIT ELF JAHREN DER SCHNELLSTE JUNGE IM BEZIRK“ und mein Sohn strahlte und sagte: „Es muss in meiner DNA liegen!“ Dann flüsterte er mir zu: „Bei dir hat’s eine Generation übersprungen, Mama.“

Es wird heißer und heißer – es gibt Ampeln, die schmelzen, und Politiker*innen, die nach der Todesstrafe rufen in den Nachrichten. Und wir Eltern sollen weiter erziehen, wie perfekte, kalte, kühle Roboter, die perfekten Sozialarbeiter*innen sein, die perfekte Ergotherapeut*innen, Spieltherapeut*innen und Life Coaches. Ich bin stolz auf moderne Eltern, dass wir nicht mehr schlagen, dass wir versuchen, weniger anzuschreien, und theoretisch akzeptiere ich total die Argumente warum man nicht loben soll. “Wie findest du das, dass du der schnellste Junge im Bezirk bist?”, sollen wir sagen. 
Aber ab und zu sage ich dem kleinen Bruder meines älteren Sohnes, dem Achtjährigen, in einer ruhigen, sanften Stimme: “I see that you are really struggling right now” und er schnaubt mir ins Gesicht: „FUCK OFF“ und ich denke: „Eigentlich ist das okay, er kennt mich, er kennt mein Herz, er kennt das Feuer in meinem Herz, er hört die Roboterstimme mit den perfekten Wörten aber er weiß, dass ich in meinem Herzen sage: Reiß dich zusammen, Junge. Und er antwortet darauf.“ 

Aber ich will meiner inneren Boomerin keinen Free Pass geben, ich will nicht die imperfekten Versuche, perfekt zu erziehen, als unnötig oder übertrieben beschreiben. Die Wahrheit ist, meine eigene Eltern waren zwar Boomer aber sie waren auch Hipster. Nachdem meine Mama starb, erzählte mir ihre Ex-Partnerin, my trans step-parent, wie man auf Englisch so nett sagen kann, wie sie mit meiner Mama zusammen gekommen ist. Es war Winter 1981, der kälteste Winter seit Jahren, und meine Mama und my step-parent waren in einem Liebesdreieck mit meinem Vater, der einen Nervenzusammenbruch hatte und alkoholkrank war. In den Geschichten gab es viele Schmerzen und Traumata, aber auch viele Konzerte – Pop-Konzerte und Rock-Konzerte und Ska-Konzerte und ich so: „Wartet mal, wart ihr cool? Wart ihr HIPSTER?“  Es war so ein Schock zu erkennen, dass meine Eltern mal Hipster waren.

Also da waren sie, meine Hipster-Eltern: ein alkoholisierter Kommunist, eine trans Frau, die noch nicht wusste, dass sie trans war, und meine Mama. Und daneben ich im McClaren Buggy. Meine Eltern sind Boomer, aber Hipster-Boomer. Und so haben sie mich erzogen: Es gab Schläge, aber danach gab es Entschuldigungen, es gab die Versuche, gewaltfrei zu erziehen, aber sie sind gescheitert. Mein Vater war so modern, er war einverstanden mit dem ‚nicht Loben‘. Als ich 1996 neun mal A und ein mal C (Mathe) bekam, sagte er statt “Ich gratuliere” oder “Ich bin stolz auf dich“ etwas, das heutzutage als perfekte Erziehung gesehen wird: “Ich sehe, dass du stolz auf dich bist. Du hast dir ein Ziel gesetzt und du hast es erreicht. Darauf bin ich stolz. Die Noten sind mir egal.” Könnte eins zu eins von einem Insta Parenting Coach kommen oder? (Er war aber 1952 geboren und deswegen kriegte ich trotzdem 10 Pfund pro A-Note).

Meine Eltern waren nicht perfekt, keine perfekte Robotor-Eltern. Es gab Gewalt, körperlich und emotional. Einmal, an einem Sonntag-Nachmittag, stand ich während des Sonntags-Braten-Essens auf und las jede Beleidigung vor, die ich zu meiner Figur und Person über das Wochenende bekommen hatte. Alle die fettfeindlichen Beleidigung, die ich wegsteckte, hatte ich aufgeschrieben, und ich las sie jetzt vor, in einer ruhigen, klaren Stimme. 
Zuerst verteidigte sich mein Stiefelternteil, aber meine Mama hat nur geheult, und ich las ruhig zu Ende: „Beweg deinen fetten Arsch, deine Oberschenkel sind so dick, hey, Fattie.“ Sie waren keine perfekte Eltern, was fettfeindliche Beleidigungen angeht, waren sie sogar schlechte Eltern, würde ich sagen. Und trotzdem: Bei ihren Sonntagsbraten in den 50ern und 60ern, glaubt ihr, dass so eine Performance-Kunst erlaubt gewesen wäre? Bei denen gab es Gewalt und Schweigen darüber, bei uns, weil sie Hipster waren, Gewalt und danach Kunst. Sie kriegten nur Schläge und sollten nur schweigen, sie versuchten, mich nicht zu schlagen, und gaben mir die Freiheit, zu sprechen. Woher fanden sie diese Freiheit, die sie nie hatten, aber trotzdem mir gaben? Ich glaube, ehrlich gesagt, dass es politisch war, ich glaube, es kam durch Revolution.

Das alles sage ich der anderen Mama auf dem Schulhof aber nicht, ich versuche, meine Verrücktheit den anderen Eltern und den Lehr- und Erziehungskräften gegenüber zu mikrodosieren.


Ich sage: “Aber vielleicht werden Kinder sterben, wenn die Bundesjugendspiele nicht abgesagt werden? Nicht unsere? Aber die Kinder von anderen Menschen? Es ist so heiß heute?”

Sie sagt: “Es gehört zum Rahmenplan, sagen sie.”

Ich sage: “Dann muss der Rahmenplan geändert werden. Oder?”

Es sterben keine Kinder bei den Bundesjugendspielen, aber am selben Tag stirbt ein Schulkind, ein Teenager, an der Krummen Lanke, und mein Herz bricht für ihn und seine Familie. Mein Herz bricht für ihn, beim Baden können immer Kinder sterben, aber ich denke die ganze Zeit darüber nach, dass, wenn ich nicht so faul wäre, ich hätte baden gehen sollen. Die Badestellen der Krumme Lanke und des Schlachtensees sind echt in der Nähe unserer Schule, ich denke an das Kind, und ich sage mir: „There but for the grace of God go I“, aber ich ersetze grace of God with my fucking laziness. „There but for my fucking laziness go I“. 
„Es können immer Kinder sterben beim Baden“, sage ich mir, „das hat nichts mit Klimawandel zu tun, hör auf Jacinta.“ Aber sogar im Schulhof ist ein Baum mit Tatortband weggesperrt wegen den giftigen Raupen, und die Tage werden immer heißer. Die Älteren schwitzen, schwach und alleine in ihrer Wohnung, die Ampeln schmilzen, die Fische kochen in den Seen, sie werden gekocht. Die Bundesjugendspiele werden nicht abgesagt. 

Und wir Eltern, wir erziehen weiter, wir versuchen immer, uns zu verbessern, aber wir sind keine Roboter. Wir sind nur Eltern, und wir tun unser Bestes. Der Versuch ist es wert.

 

Jacinta Nandi, 1980 in East London geboren, ist Tochter eines britischen Inders und einer leidenschaftlichen nordenglischen Kommunistin und Feministin. Im Jahr 2000 kam sie nach Berlin, um Deutsch zu lernen. Dort ist sie geblieben, TEFL-Lehrerin, alleinerziehende Mama und letzten Endes auch: Autorin geworden. Sie war Mitglied der legendären Berliner Lesebühne Die Surfpoeten und schrieb für u. a. den Exberliner, die taz und das Missy Magazine, gründete das PoC-Künstler:innen-Kollektiv Parallelgesellschaft und ist Kolumnistin des Familientrios der Süddeutschen Zeitung. Sie hat zwei Söhne und wohnt in Berlin-Lichtenrade. 

 

 

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