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Elternschaft

Girl Dinner

Josephine Apraku
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Montagabend. Ich stehe am offenen Kühlschrank und esse mit einer Gabel Fake-Thunfisch direkt aus dem Glas. Aus dem Nebenzimmer höre ich mein Kind seufzen. Es ist das wohlige Geräusch eines Menschen, der gerade eingeschlafen ist. Wenn sie nicht mehr wach ist, gehe ich auf die Jagd, streune umher wie ein hungriger Fuchs über vermüllte Plätze in Großstädten. Ich esse, wenn sie schläft. Mein Kind mag vieles nicht, etwa Stückchen in Saucen. Wenn es zu scharf ist oder zu weich. Es mag zwar gern Frischkäse (ohne Kräuter) auf Brot (ohne Rinde), aber eben nur diesen einen aus der Kita, den es mir nirgends gelingt zu finden. Alle anderen hasst sie.

So richtig einfach war die Einschlafroutine bei uns nie. Nach einigem Ausprobieren habe ich gelernt, die Einschlafbegleitung für zwei Dinge gleichzeitig zu nutzen. Ich bringe mein Kind ins Bett und höre dabei Nachrichten über Kriege, Hitzerekorde und parteipolitische Konflikte. Um das Risiko zu verringern, dass mein Kind etwas hört, das ihm interessant erscheint und über das es nachdenkt, diskutieren will, sodass es wach bleibt, höre ich auf Englisch. 

Nach den Nachrichten wähle ich heute eine Podcastfolge, in der moderne Elternschaft Thema ist. Eine Forscherin erklärt darin, dass Eltern heute mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen als noch vor einigen Jahrzehnten. Das erinnert mich an einen Instagram-Post zu elterlichem Burnout, in dem erläutert wird, dass die meisten Familien inzwischen auf zwei Einkommen angewiesen sind. Gleichzeitig, das denke ich beim Zuhören, sind noch andere, neue Aufgaben hinzugekommen: Es geht nicht mehr nur darum, Kinder satt zu kriegen und sie pünktlich und sauber irgendwo abzuliefern. Wir sollen Emotionen begleiten, sie darin unterstützen Konflikte beizulegen, Medienkompetenz vermitteln, über den Klimawandel sprechen und über Unterdrückung auch. Eltern verbringen heute nicht nur mehr Zeit mit ihren Kindern – die Aufgabe ist größer geworden und sie hat ihre Qualität verändert.

Wie die Folge heißt, habe ich vergessen. Ich vergesse vieles dieser Tage. Meine Sätze klingen so: Kannst du mir das Dings dingsen? In meinem Gehirn strecke ich mich nach Erinnerungen wie nach Gegenständen in einer Kiste und komme doch nicht ran. Perimenopause, vermutlich. Während ich versuche, einen Menschen zu begleiten, baut mein Körper sich um. Pubertät, nur andersrum.

Vor einigen Wochen habe ich in der S-Bahn ein Tagebuch gefunden. Ich wollte es beim Fundbüro abgeben, habe es dann aber vergessen. Nach einiger Überlegung darüber, ob ich es mit meinem Gewissen vereinbaren kann – ich kann! –, habe ich die erste Seite gelesen. Eine junge Frau schreibt über ihre Mutter. Sie schreibt über eine Therapiestunde, darüber, was die Therapeutin über die Beziehung zur Mutter sagt und was sie selbst über die Mutter denkt. Sie klingt traurig. Ich frage mich: Hätte sie sich eine andere Mutter gewünscht?

Ich klappe das Buch zu und denke an etwas, das ich früher zu meinem Therapeuten gesagt habe: »Wenn ich einmal ein Kind habe, möchte ich nicht alles ungefiltert weitergeben. Verhindern können werde ich das wahrscheinlich nicht. Und dann möchte ich es hören können, wenn es sagt, dass es etwas anderes von mir gebraucht hätte, als das, als was ich habe geben können.«


Notfallpommes

Aus einer Tampon-Werbung lacht mir eine Frau, die in weißen Leggings durch einen Park joggt, auf »protect your energy« entgegen. Als würde Energie einer mysteriösen und nie versiegenden Quelle entspringen. Als wäre sie nicht an die Endlichkeit menschlicher Körper gebunden. Ich denke: wir alle leben mit Budgets. Zeitbudgets, Aufmerksamkeitsbudgets, Geldbudgets, Fürsorgebudgets, Körperbudgets, Trauerbudgets, Konfliktbudgets. Elternschaft macht ihre Begrenztheit sichtbar.

Meine Elternschaft folgt pragmatischen und ökonomischen Prinzipien. Innerlich führe ich konstant ein Haushaltsbuch. Ich rechne gegen. 

Soll: 

  • emotionale Regulation, 
  • Geduld 
  • und Einschlafbegleitung (über mehrere Stunden hinweg). 

Haben: 

  • Kind darf zwei Folgen einer Serie gucken, 
  • Tiefkühlpizza zum Abendessen 
  • und lesen am Nachmittag auf dem Spielplatz, während mein Kind mit einer Horde anderer Kinder umherzieht. 

In meinem Gefrierfach liegen Pommes und vegane Nuggets in Dinoform. Im Schrank sind Hafermilch und irgendwelche Pops. Essen, das haltbar ist. Essen, das schnell zubereitet ist. Simples, das mein Kind sich selbst machen kann. Dinge, die zurückgeben. Dinge, die das Minus ausgleichen sollen. 

Den Pragmatismus habe ich von meiner alleinerziehenden Mutter geschenkt bekommen. Ich musste ihn nie lernen. Ihretwegen schwebt in meinem Kopf kein erhobener Zeigefinger wie ein Damoklesschwert über jeder Entscheidung, die ich als Elternteil treffe. Ich erinnere mich daran, dass ich mir als Kind eine schönere Wohnung wünschte – wie bei den anderen Familien, deren Verhältnisse mir geordneter vorkamen als unsere. Auf die Frage, warum meine Mutter sich nicht mehr anstrengte, würde sie noch immer antworten: »Ich kann versuchen Ordnung zu schaffen. Oder ich kann ein Wochenende haben. Beides zusammen geht nicht.«

Mein imaginäres Haushaltsbuch endet nicht bei mir. Zugegeben, es gibt einige wenige Seiten, auf denen ich meine Energie individuell verwalte. Mit einigen anderen Tabellen verwalte ich etwa meinen Job als Elternteil. Wenn ich diesen nicht angemessen ausübe, gerät das Leben meines Kinds ins Minus. An anderer Stelle steht die Elternschaft selbst in den roten Zahlen. Und egal, wie ich auch rechne und gegenrechne, ändern kann ich daran nichts. Das Großziehen eines Menschen bleibt in dieser Gesellschaft eine private Kostenstelle.

Je länger ich über der Unmöglichkeit dieser Aufgabe brüte, desto weniger erscheint mir das Führen dieses Haushaltsbuchs als persönliche Eigenart. Es ist eine Überlebensstrategie. Ich nehme an, dass jede Familie eine solche Buchführung pflegt. Und ich vermute, dass wir alle längst bilanzieren, was sich nicht bilanzieren lässt. Das Leben.

Nudeln mit Butter

Morgens beobachte ich, wie die anderen Eltern mit ihren Kindern über den Schulhof hasten. Manchen nicke ich zu, manchmal wechseln wir ein paar Worte über Hausaufgaben, Sommerferien und Kindergeburtstage. Ich frage mich: Wer wart ihr, bevor ihr Eltern wurdet? Worauf seid ihr heute hungrig? Ich bin mir sicher, dass die Antwort nicht lautet: Nudeln mit Butter. Dieses einfache Gericht, dass nichts will, außer jene zu sättigen, den die meisten Geschmäcker dieser Welt noch zuwider sind. 

Ich stelle sie mir manchmal vor, die anderen Eltern, wie sie in einem früheren Leben beschwipst vom Wein durch die Nacht stolpern. Wie sie sich, bis der Morgen anbricht, auf einer Party unterhalten – flüsternde Stimmen. Erste hitzig flirrende Küsse, die Kinder noch nicht einmal ein geheimnisvolles Funkeln in ihren Augen. Innerlich wund vor Verknalltheit aufs Handy starren, damit eine Nachricht sie von ihrer Pein erlöst.

Ich habe viel Fantasie: Vielleicht ist nichts davon je passiert, vielleicht ist alles genau so gewesen. Jedenfalls kenne ich sie nur als Eltern. Dabei sind sie eigene Universen, die meins berühren. In meinen Gedanken stelle ich mich ihnen in den Weg, wie ein Kind, dass Geld verlangt, um dich passieren zu lassen und frage: »Sag mir, was du willst?«

Wenn du mir dieselbe Frage zurückgeben würdest: Ich will zerfließen vor Ruhe, vor Lust. Ich will essbar aussehen. Ich will nach Feigen riechen und nach Rosmarin und Meersalz. Ich will eine Sommernacht durchknutschen, dass mir die Lippen brennen. Will draußen spielen gehen. Will das Leben mit beiden Händen greifen, möchte es verschlingen. Und dabei so gierig sein, dass mir sein Saft vom Kinn tropft.

Das Leben ist kein Fünf-Gänge-Menü. Und wenn überhaupt, dann von der Service-Seite. Ich stelle die Gänge zusammen. Ich schneide und bereite zu. Ich decke den Tisch. Ich serviere. Achte darauf, dass alle satt werden. Ich räume ab. Das Leben füttert Eltern ständig Gerichte, die so schwer im Magen liegen, dass es lange braucht, um sie zu verdauen. Oder es bietet Mahlzeiten, die sind so spärlich, dass wir hungrig bleiben. Hungrig nach einem Leben, in dem Erwachsene und Kinder ihre Freiheiten nicht miteinander verrechnen müssen.

Mir geht es darum, dass ich nicht akzeptieren möchte, dass unsere Leben zu Kostenstellen werden. Dass ich Entscheidungen treffen muss, als wären unsere Leben verschiedene Konten und ich beginne, Leben zwischen uns hin und her zu buchen: Mein wird Leben gegen das meines Kinds verbucht. Und das meines Kinds gegen meines. Ich kann nicht akzeptieren, dass ich mich verliere, weil ich für unser Überleben sorge. Dass sie sich verliert, weil ich funktionieren muss und sie mit mir. Wie würde unser Leben aussehen, wenn wir es nicht gegeneinander aufrechnen müssten? Würden wir uns am Leben den Mund schmutzig machen? 

Ich stehe noch immer in der offenen Kühlschranktür und kühle mich ab. Hitzewelle. Ich nehme mir eine Scheibe Käse. Ich schiebe sie mir in den Mund. Dann klappe ich den Kühlschrank zu.

 

Josephine Apraku ist Autor*in und Coach. In Texten und in der eigenen Arbeit beschäftigt sich Josephine Apraku mit den Schnittstellen von Emotionen und Systemen sowie mit Fragen von Beziehung, Macht und gesellschaftlicher Veränderung.

 

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