Wer wären wir ohne einander und ohne die Fürsorge, die wir füreinander geben? Eine Fürsorge, in der wir einander Mutter und Freundin zugleich sind, eine Beziehung, die so viele Formen der gegenseitigen Zuwendung birgt, des Kümmerns umeinander; zärtlicher Halt, wo uns die Welt nicht trägt. („Mothering Ourselfs“ Purnima Vater für Asya in Mothering Subversive – Fürsorge als radikale Praxis)
Heute will ich endlich wieder vor die Tür gehen. Fünf Tage war ich nicht draußen. Seit ich an ME/CFS und POTS erkrankt bin, kann ich nur noch selten raus. Aber zum Glück kann ich noch. Darum ignoriere ich die Migräne, gegen die auch die Triptane nicht helfen, gebe dem Hund einen Knochen, packe meinen Rucksack und gehe los. Auf halber Strecke merke ich, dass mein Rücken nass ist. Meine Wasserflasche ist ausgelaufen. Ich schaue in den Rucksack, alles nass. Und ich habe mein Portmonee zuhause liegen lassen. Also gehe ich wieder zurück. Eigentlich ist jetzt meine allerletzte Kraft für den Tag aufgebraucht. Aber das will ich nicht wahr haben. Zuhause packe ich ein trockenes Heft, einen Stift und mein Portmonee ein und mache mich wieder auf den Weg. Diesmal schaffe ich es ins Café.
Ich hatte mir vorgenommen, einen gut strukturierten Essay zu schreiben, eine Geschichte, die Sinn ergibt, eine mit einem roten Faden. Jetzt sitze ich in meinem Stammcafé, das einzige in das ich momentan manchmal gehe, weil es hier leise ist und das Licht nicht zu hell. Ich sitze also hier mit meinem Schokocroissant, das ich eigentlich nicht essen darf und dem Kaffee, der nicht gut für meinen Herzschlag ist und merke schon bei den ersten Sätzen, wie ich mich verrenne. Ich schreibe in Verschachtelungen. So präsent sind mir all meine Erkrankungen, dass sie scheinbar in jeden Satz eingebaut werden müssen. Ich schäme mich. Ich würde so gerne einen anderen Text schreiben, aber das hier ist nun mal meiner. Alles passiert gleichzeitig und ich verstehe es noch immer nicht. Wer ich bin, wer ich sein wollte, wer ich sein sollte und vor allem, wer ich sein kann. Ich weiß, mit komplexer Traumafolgestörung gibt es keine Held*innengeschichte (bin mir nicht sicher, ob ich diesen Begriff überhaupt gendern sollte). Sowieso glaube ich nicht an lineare Geschichten, an lineare Zeit. Ich habe noch nie in diesen Geschichten, in dieser Zeit gelebt. Alles ist zersplittert. Und das ist okay.
Ich wollte nie eine klassische heteronormative Familie, aber ich wollte schwanger sein. Mit Ende zwanzig versuchte ich, mich in dieses FamilienModell hineinzuzwingen, alles daran fühlte sich falsch an. Vor allem ich selbst, in meinem Körper, mit meinem Verlangen. Nachdem ich jahrelang queere Beziehungen gelebt hatte, versuchte ich es wieder mit einem cis Mann. Wir gingen sogar in eine Kinderwunsch Klinik, um uns beraten zu
lassen, welche Möglichkeiten es für mich noch gab, schwanger zu werden. Ich schwebte irgendwo anders, während mein Körper versuchte, diesen gesellschaftlichen Bildern davon zu entsprechen, wie ich sein sollte. Aber es klappte nicht. Ich fühlte mich nicht als Frau und wollte nicht mit einem cis Mann zusammen sein. Also habe ich mich von dem cis Mann getrennt und mich als nicht binär geoutet. Das war unheimlich und befreiend. Ich arbeite mich immer noch daran ab.
Ich bin nicht binär und würde mich gerne als Mutter verstehen, ohne ein Kind geboren und bei mir leben zu haben. Darf ich diesen Begriff für mich verwenden, wenn ich doch selbst Hilfe und Fürsorge brauche? Was ist eine
Mutter? Im Duden steht, es gibt vier Bedeutungen für den Begriff Mutter:
- a) Frau, die ein oder mehrere Kinder geboren hat,
b) Frau, die in der Rolle einer Mutter ein oder mehrere Kinder versorgt, erzieht
c) bei bestimmten Schwesternorden [Titel der] Oberin, Vorsteherin eines Klosters, eines geistlichen Stifts o. Ä. - weibliches Tier, das [gerade] ein oder mehrere Junge geworfen hat
- Matritze, die, Gebrauch Technik
- Gebrauch Jargon, Kurzform für Muttergesellschaft
Auf einer langen Zugfahrt höre ich Lena Dunham zu, die ihr Buch Famesick vorliest. Eine Beschreibung bleibt mir hängen. Sie beschreibt ihren Endometriose-Bauch als einen Bauch wie bei einer schwangeren Person. Nur, dass der Bauch mit Zysten und Entzündungen gefüllt ist, statt mit einem wachsenden Baby. Ich kenne diesen Bauch. Ich habe ihn auch schon oft gehabt. Ich habe ähnliche Symptome, wie schwangere Friends. Ich übergebe mich
viel, mir ist andauernd schlecht, ich bin unfassbar müde, ich muss, wenn ich unterzuckert bin, sofort etwas essen, sonst kippe ich um, ich habe spezifische Hieper auf bestimmtes Essen, ich bin reizbar, ich bin unglaublich
erschöpft und kann nachts nicht schlafen, ich habe tagelang Kopfschmerzen, meine Hormone spielen verrückt.
Nach meiner letzten OP hatte ich jeden Tag Schmerzen. Die meisten Nächte schlief ich fast nicht, wenn ich Glück hatte, mal drei vier Stunden am Tag. Ich arbeitete damals in einem Theater und spielte gerade in einem Kinderstück mit. Wir hatten häufig Schulvorstellungen. Nach der OP eröffnete mir die Oberärztin, dass ich keine Kinder mehr gebären könnte. Ich hätte Adenomyose, Endometriose, eine herzförmige Gebärmutter, ein Eileiter
wurde mir schon bei einer OP ein paar OPs vorher entfernt, der andere war so verklebt, dass er gar nicht mehr funktionierte. Die Nacht vor diesem Morgen, an dem ich mal wieder vollgepumpt mit Schmerzmitteln eine Stunde allein vor hundert Kindern performte, war es besonders schlimm gewesen. Ich hatte solche Schmerzen, gegen die die Schmerzmittel nicht wirken wollten, dass ich mir mitten in der Nacht ein Bad einließ. Auch das half nicht
viel. Danach lag ich auf dem Sofa und versuchte mich mit einer Serie abzulenken. Mit letzter Kraft hatte ich es ins Theater geschafft. Ich stand gähnend an die Theke gelehnt und nippte an einem Kaffee. Eine Mitarbeiterin
an der Kasse sah mein Gähnen und lachte. „Ja ja, immer diese kinderlosen Menschen, die sich anstellen, weil sie mal früh aufstehen müssen. Ihr habt ja keine Ahnung, wie es ist, monatelang ohne Schlaf auszukommen. Warte nur, bis du Mutter wirst, das ist eine ganz andere Dimension.“ Ich sagte nichts, war wie versteinert. „Wenn du wüsstest, wie gut ich es kenne monatelang ohne Schlaf auskommen zu müssen…“ dachte ich „und noch dazu mit krassen Schmerzen“ Ich spürte plötzlich so einen Hass in mir aufsteigen, dass ich erschrak. Und dann schämte ich mich tief. Ich verließ den Raum, zog mich um und begann, mich zu schminken.
Die heftigste Trauer habe ich erlebt, als ich begonnen habe, um das Kind zu trauern, das ich nie gebären werde. Die Trauer ist nie ganz weggegangen, ich
trage sie immer noch mit mir. Aber ich habe sie verwandeln können. Nachdem ich wusste, dass mein Körper zu krank war, um ein Kind auf die Welt zu bringen und vielleicht auch zu krank, um eins als Hauptbezugsperson großzuziehen, habe ich tagelang, monatelang geweint. Ich konnte einfach nicht aufhören. Ich war in den Wolken. Ich war nicht mehr da. Ich war Schmerz. Physisch und psychischer Schmerz. Mittlerweile weiß ich, dass ich gar keinen großen Kinderwunsch habe, nie wirklich hatte. Es ist verwirrend. Es ist alles gleichzeitig.
Seit zwei Jahren lebe ich mit einem Hund. Mein Mitbewohni und ich haben ihn in einem Berliner Außenbezirk von einem weißen Transporter abgeholt. Zuhause angekommen ist er sofort unter dem Tisch auf meinen Füßen eingeschlafen. Diesmal habe ich vor Glück geweint. Ich habe seine Sprache gelernt und passe auf ihn auf. Ich beschütze ihn und er legt sich auf meine Beine, damit ich mich entspannen kann.
Eine enge Freundin fragt mich, ob ich bei der Geburt ihres ersten Kindes dabei sein will. Natürlich will ich. Am Samstag Morgen ruft ihr Mann mich an „Es geht los, halte dich bereit.“ Ich halte mich bereit und es macht mich wahnsinnig. Ich verlasse meine Wohnung und gehe shoppen. Ich warte. Ich kaufe mir einen Kaschmirschal, der viel zu teuer ist. Nie im Leben hätte ich ihn sonst gekauft. Kurz danach klingelt das Handy erneut: „Kannst du jetzt kommen?“ Klar, kann ich. Ich sage ihm nicht, dass ich schon zwei Stunden in ihrer Nachbarschaft herum schleiche. Es ist mittlerweile nach zwölf. Die Freundin hat alle zehn Minuten Wehen. In ihrer Wohnung ist es düster, die Vorhänge sind zugezogen. Die Abstände zwischen den Wehen ändern sich nicht. Immer wieder flöße ich meiner Freundin und ihrem Mann Wasser ein, keiner von uns mag etwas essen, ihr Mann und ich wechseln uns damit ab, sie zu stützen. Gegen achtzehn Uhr beschließen wir einen Spaziergang zu machen. Gestützt auf uns beide quält sie sich vorbei an Passanten zum Kanal. Wieder zurück in der Wohnung rufen wir noch einmal die Hebamme an. Sie rät uns, ins Krankenhaus zu fahren. Der Taxifahrer stöhnt laut auf, als er die schwangere Frau sieht, aber er nimmt uns mit und setzt uns direkt vor dem Eingang des Krankenhauses ab. Im Krankenhaus geht es weiter, Treppe hoch, Treppe runter, nichts hilft. Dann doch PDA. Der Mann meiner Freundin geht raus, er kann keine Spritzen sehen. Ich halte ihre Hand. Am nächsten morgen um zwölf Uhr beschließt die Ärztin einen Kaiserschnitt zu machen. Ich bleibe allein im Zimmer zurück. Es darf nur eine Person mit in den OPRaum. Ich kann nichts machen. Sitze einfach da und starre vor mich hin. Dann höre ich das Kind schreien vom anderen Ende des Flures. In diesem Moment weiß ich, ich liebe dieses Kind und werde es immer beschützen, mit allem was ich habe. Später laufe ich mit der Plazenta in einer Plastiktüte durch die Straßen von Kreuzberg. Tränen laufen mir über die Wangen. Es ist mir egal, dass alle sehen können, wie ich heule. Ich bringe die Plazenta in die
Wohnung der Freundin und lege sie bei ihr ins Tiefkühlfach. Zuhause wartet mein Mitbewohni auf mich. Er*sie hat gekocht und bringt mich nach dem Essen ins Bett. Ich schlafe sofort ein.
Mit meinem Patenkind gehe ich regelmäßig ins Schwimmbad. Zur Einschulung hat sie sich von mir eine Meerjungfrauenflosse gewünscht, mit der sie wie eine Meerjungfrau schwimmen kann. Beim letzten Schwimmbadbesuch ist sie mir in die Arme gefallen und hat gesagt: „Wegen dir bin ich die erste in der Kita, die schwimmen kann!“
Meine Mutter ruft an. Sie erzählt mir von einem Streit bei den Omas gegen rechts. Sie ist verunsichert, warum die anderen so gemein sind. Ich höre ihr zu. Wir reden lange. Ich empfehle ihr einen Podcast zu politischem
Aktivismus und sage ihr, dass ich stolz auf sie bin. Wir erzählen uns von unseren Freund*innenschaften. Sie gendert meine Friends immer richtig. Lange haben wir uns mit meiner Queerness auseinandergesetzt, viel haben wir gestritten, oft haben wir uns missverstanden. Mittlerweile hören wir uns zu und lassen uns sein, wer wir sind. Zwei verschiedene Menschen, die sich lieben.
In meiner Jugend stellte ich mir vor, wie ich auf der Bühne stehen würde, nach Berlin ziehen, meine eigenen Geschichten erzählen. Eine große Liebe würde auf mich warten und mein Leben zum Guten verändern. Kinder und eine normative Kleinfamilie kamen nie in diesen Träumen vor. Als manche meiner Friends anfingen, Kinder zu kriegen, fragte ich mich, wie es sich wohl anfühlte, ein Kind im Bauch wachsen zu haben. Mittlerweile bin ich zufrieden mit meinem Leben. Wenn ich eine Partnerperson hätte, mit der es sich richtig anfühlte, ein Kind zu bekommen, würde ich es nicht ausschließen. Mein Leben fühlt sich aber auch so erfüllt an.
Ich gehe mit einer Freundin in den Supermarkt, ihr wird schwarz vor Augen, Schweiß rinnt ihr über das Gesicht. Sie setzt sich vor der Tür auf eine Bank. Ich bezahle schnell und setze mich dann neben sie. Sie kann nicht atmen, ihr ist schlecht und schwindelig. Ich frage sie, ob sie ihren Körper spüren kann. Nein. Also lasse ich sie ihre Füße auf den Boden stellen und versuchen in den Bauch zu atmen. Eine Weile atmen wir zusammen. Ich gebe ihr Wasser.
Eine Freundin geht einkaufen für mich. Sie räumt die Dinge, die ich mir gewünscht hatte in den Kühlschrank und sagt „Das geht auf mich.“ Eine andere schreibt mir Nachrichten, Ausschreibungen für Jobs, die ich noch
machen kann, Nothilfe, sie fragt bei den Menschen nach, was die Bedingungen sind. Ein Friend fährt mich zum Arzt und wartet bis ich wieder aus dem MRT komme. Jemand schreibt „Ich hab dich lieb“. Friends überlegen, wie ich mit zur behindert und verrückt pride kommen könnte und schauen nach, wie viel es kostet, einen Rollstuhl zu mieten. Eine Freundin
leiht mir Geld, eine andere stellt einen Stuhl ins Treppenhaus, damit ich mich auf der Hälfte des Weges ausruhen kann. Regelmäßig checkt jemand mit mir
ein.
Seit ich die Pille nehme, sind meine Brüste riesig. Ich hasse das. Ich will meinen Uterus rausnehmen lassen. Manchmal würde ich auch gerne meine Brüste entfernen lassen. Aber das sind ferne Träume. Ich hatte zu viele Ops. Jede weitere sollte unbedingt vermieden werden. Ich freunde mich mehr und mehr mit meinem Leben an. Ich habe mich noch nie so sehr wie ich gefühlt, wie jetzt. Ich liebe meine chosen familie, meine friends, den Hund, die Patenkinder, das Schreiben, den Wald, mein Bett. Ich hätte gerne mehr Energie, würde gerne mehr am Leben teilnehmen können, hätte gerne weniger Schmerzen, würde gerne richtig auskosten können, was ich mir in
meinem erwachsenen Leben erarbeitet habe. Ich weiß nicht, ob das irgendwann wieder möglich wird. Aber ich will daran glauben.
Esther Vorwerk setzt sich mit Körpern, Körpergedächtnis, Erinnerung, Trauma und Trauma-Weitergabe auseinander. They tut dies schreibend in literarischen, lyrischen und szenischen Texten, Installationen, Performances und Workshops. Alleine oder in den Kollektiven weather forecast, Studio for Feelings, und Gewaltfreie Television. Im Rahmen des SchreibZeit Stipendiums der Stiftung Niedersachsen arbeitet Esther zur Zeit an einem Theaterstück über Diskriminierungsstrukturen und deren Wirkmechanismen im Kontext von Queerness und Krankheit. Außerdem schreibt they mit einer Drehbuchförderung der Film- und Medienstiftung NRW einen Stop-Motion animierten Langfilm über KI, Bewusstsein und Neurodivergenz. Für die Entwicklung des ersten Romans wurde Esther mit dem Ludwig Harig Stipendium ausgezeichnet. Esther studierte Schauspiel am Mozarteum Salzburg und absolvierte den Master Literarisches Schreiben an der Hochschule der Künste Bern. They hat viel Erfahrung im Service, wollte heimlich immer Tänzer*in werden, ist erschöpft und isst gern Pommes.